Mit dem Bergbau fing alles an

Kunststoffgroßhandel: wie aus einem lokalen Nischenangebot ein landesweites Dienstleistungsnetz wurde

Der Werkstoff mit dem ungenauen Namen Kunststoff ist inzwischen über 100 Jahre alt. Eine Zeitspanne, in der nicht nur Produkte kamen und gingen, sondern auch Marken und Unternehmen. Den Meisten im Zusammenhang mit Kunststoff eher unbekannt ist thyssenkrupp als Handels- und Dienstleistungspartner von Industrie und Handwerk. Rund ein halbes Jahrhundert vermitteln die Werkstoffgroßhändler schon zwischen Endkunden und Hersteller. Eine Historie reich an Know-how und Anekdoten, die auch viel über die Geschichte des Produktes Kunststoff verrät.

Aller Anfang: PVC

Das erste Kunststoffprodukt im Haus waren Rohre und Platten aus PVC. Die ersten Kunden kamen aus dem Ruhr-Bergbau, wo elektrisch leitende Kunststoff-Rohre aus Gründen des Ex-Schutzes benötigt wurden. 

frühe Fittings-Prototypen von Georg Fischer aus den 50er Jahren

In den frühen 60er Jahren häuften sich dann Nachfragen zu säurefesten PVC-Platten insbesondere aus dem Anlagenbau für große Film-Entwickler.
Dazu begann man im Bereich Wasserversorgung ernsthaft über Kunststoffanwendungen anstelle von teurem Kupfer, korrosionsanfälligem Stahl oder schwerem Gusseisen nachzudenken. Von hochtechnisierten Kunststoffen, wie wir sie heute kennen, war damals noch keine Rede. Die Anbieter – Hersteller wie auch Verarbeiter – waren deshalb gleichermaßen gefordert.
Sie mussten die benötigten Formstücke nach Kundenvorgabe in Handarbeit selbst fertigen. Die ersten professionellen Kunststoffverarbeiter traten auf den Plan und damit die Nachfrage nach Handelspartnern.

Als eines der ersten größeren Unternehmen nahm die Heinr. Aug. Schulte Eisen AG, eine Auswahl an Kunststoff-Halbzeugen in ihr Lagerprogramm auf, unter anderem dank der guten Beziehungen zum Unter-Tage-Bergbau.
Als Piloten fungierten die Niederlassungen Köln und Düsseldorf. Die Produkte der damaligen Dynamit Nobel AG aus Troisdorf – wie zum Beispiel Rohre und Tafeln aus Trovidur - gehörten zur Erstausstattung.
Als weiterer wichtiger Lieferantenpartner erwies sich Georg Fischer für Formteile und Armaturen aus PVC, PE und PP.

1952-1962 Produktschulung im Bus

Bei Schulte merkte man schnell, dass es bei den Kunden viele Fragen zur Verarbeitung des neuen Produktes gab. Insbesondere das Problem der Passung, die Toleranzenabstimmung von Fittings und Rohren machte vielen Verarbeitern zu schaffen.

Das Problem: Weder im eigenen Unternehmen noch auf dem freien Arbeitsmarkt lassen sich zu dieser Zeit ausgebildete Kräfte für den Verkauf des revolutionären, technisch sehr anspruchsvollen Werkstoffs finden.
 
Die Lösung: Das Handelshaus entwickelte ein umfassendes Schulungskonzept für die eigenen Mitarbeiter und interessierte Kunden. Materialkundliche Grundlagen waren darin ebenso enthalten, wie Fragen der Verarbeitung und spezielle Anwendungen. Es entwickelt sich eine Beratungsdienstleistung, die den Anteil bei anderen Werkstoffgeschäften deutlich übersteigt. 

Als 1963 Georg Fischer und Henkel den PVC-Klebstoff Tangit entwickeln, lässt Schulte seine Mitarbeiter direkt beim Erfinder schulen und bietet fortan seinen Kunden Hilfe und Aufklärung über das Klebeverfahren sowie über die Produkteigenschaften an. Um die so genannten Kunststoff-Seminare flächendeckend anbieten zu können, wurde nach einer flexiblen Lösung gesucht. Schließlich wurde sollte ein möglichst großer Interessentenkreis von der neuartigen Dienstleistung profitieren. Kurzerhand wurde ein VW-Bus mit allen nötigen Utensilien für die praktischen Unterrichtseinheiten bestückt und ein Fachberater damit auf die Reise zu den einzelnen Niederlassungen geschickt.
Das rollende Schulungszentrum stand einer konventionellen Werkstatt in nichts nach. Neben gängigen Be- und Verarbeitungsmaschinen waren auch Geräte zur Demonstration von Schweißverfahren in dem „Bulli“ untergebracht. Insgesamt 600.000 Kilometer wurden zwischen 1957 und 1962 in Sachen Schulung zurückgelegt, dabei nacheinander vier VW-Busse verschlissen. 

1963 wurde ein ständiger technischer Dienst mit speziell ausgebildeten Kunststoff-Experten in den Niederlassungen eingerichtet – der Ursprung des heutigen Produktmanagements bei thyssenkrupp Plastics.
Damit endete die Ära der Bullis, doch der Schulungsbedarf wuchs wegen der erdrutschartigen Erweiterung des Produktsortiments rasant.
Fachmännische Information seitens des Handels wurde im Verkaufsgeschäft zum A und O, zumal die Hersteller ihre Beratungstätigkeiten stark reduzierten.

Mitte der 70er Jahre: Pioniere im fernen Osten

Der nächste Schritt folgt auf dem Fuß: Bereits 1961 firmierte die Firma Heinrich August Schulte in eine GmbH um, die Aktienanteile übernahm die Handelsunion AG, Düsseldorf, aus der 1969 die Thyssen Handelsunion AG wird. Ungefähr zu dieser Zeit nehmen weitere Schulte-Niederlassungen Kunststoffe in ihr Programm auf – allen voran Frankfurt. Während das Kunststoffkleben als so genanntes Kaltschweißen ohne Pressung schnell Verbreitung findet, entwickelt sich in speziellen Fällen auch das echte Extruder-Schweißen mit Heizdraht weiter. 

Die steigenden Ansprüche der Industrie führten zur Vergrößerung der Rohrdurchmesser und Wanddicken. Große Konzerne wie Bayer und Höchst führten Normen und Zertifizierungen für Kunststoffanwendungen ein - die Bedeutung der unterschiedlichen Verarbeitungen und ihrer Anwendung wird zum Qualitätsfaktor. 

Technische Kunststoffe aus Polyethylen und Polypropylen ergänzen das Portfolio, als neuer Lieferantenpartner kann unter anderem die Alois Gruber GmbH aus Österreich gewonnen werden. Die heutige AGru Kunststofftechnik stattet Schulte mit ausreichend Rohren aus Polyolefinen aus, als Lieferantenpartner übernimmt die heutige Frank GmbH die Belieferung. 

Die Strategie des Unternehmens, früh auf große und flächendeckende Lagerhaltung zu setzen, führt schnell zu großen und regelmäßigen Kunden an den chemischen Industriestandorten. Das Problem: es fehlt an Ventilen und Armaturen für die geforderten Nennweiten von Großrohren. Die Hilfe kommt Mitte der 70er von unerwarteter Stelle: die Asahi Yukizai Kogyo Co. aus Japan sucht Vertriebspartner in Europa und kommt über eine Repräsentanz in Düsseldorf mit Thyssen in Kontakt.


Werbeflyer der Heinrich August Schulte GmbH für Asahi-Armaturen von 1973

Die nach japanischen Vorgaben gefertigten Armaturen erreichen Nennweiten über 200 Millimeter und bestehen – einmalig zu dieser Zeit – aus einem kompletten Ventilkörper, der hohen Drücken und Temperaturen standhalten kann.

Schulte springt mit seiner Erfahrung ein und experimentiert mit Mustern, um die Armaturen an die Deutsche Industrie-Norm anzupassen. Mit Hilfe von Vorgaben und technischen Zeichnungen aus Köln gelingt Asahi schließlich der Einstieg in den deutschen Markt, die Firma Frank wird schließlich als Vertriebspartner ausgewählt.

80er Jahre: Premiere im Hochbau

1978 wird Heinrich August Schulte zu Thyssen Schulte und die Verkaufsorganisation in sechs Regionalbereiche gegliedert. Schulte besitzt zu dieser Zeit bereits über 30 Niederlassungen in Deutschland, von denen die meisten auch Kunststoffe vertreiben. Je nach Region und Bedarf werden Zentrallager eingerichtet, die wie beispielsweise Köln in NRW, ein ganzes Bundesland versorgen. 

Polycarbonat gewinnt rasant an Bedeutung, weil die Maschinenbauindustrie von den Verwendungsmöglichkeiten als stoß- und bruchfestes Sicherheitsglas begeistert ist. 

In den 80er Jahren entdeckt außerdem der Hochbau PC-Hohlkammerplatten für sich. Die Firma Hirsch aus Österreich, deren Handelsbereich später als Interlux firmierte und 2011 in der thyssenkrupp Plastics Austria GmbH aufging, wird erster Lieferantenpartner für die Branche. 

Im Rohrgeschäft steigt der Bedarf sprunghaft an, weil Chemielabore korrosionsbeständige Produkte für ihre Belüftungsanlagen benötigen. Die Neuentwicklungen in den Bereichen PVC und PPS zu schwer entflammbaren Produkten leisten ihr Übriges für die Nachfrage. 

Ebenfalls in den 80er Jahren sind außerdem die Anfänge im Kunststoff-Elektroschweißen anzusiedeln, hier leistete die Friedrichsfeld GmbH (heute FriaTec) Pionierarbeit. 

Als Folge dieser Entwicklungen richtete ThyssenSchulte 1987 – einmalig in der Branche – mit der Unterstützung von Kunststoffproduzenten ein eigenes Schulungszentrum mit Lehrwerkstatt in Wuppertal ein. Auf dem Lehrplan der dort mehrmals im Jahr angebotenen Aufbau- und Fachkurse stehen Theorie und praktische Anwendungen für Halbzeuge in den Bereichen Hochbau, industrieller Rohrleitungsbau, Messebau und Werbung sowie Maschinen und Apparatebau.

90er Jahre: Hochleistungskunststoffe für neue Industrien

1990 integriert die Thyssen Handelsunion AG zwei Gesellschaften der ehemaligen OttoWolff-Gruppe in den Thyssen-Konzern, darunter die
OttoWolff Kunststoffvertriebsgesellschaft (OWK).
Thyssen Schulte gewinnt Röchling als neuen Lieferantenpartner dazu, expandiert und gehört zu den ersten Unternehmen, die Niederlassungen in Ostdeutschland (wieder-) eröffnen - wo Kunststoff als Plaste und Elaste kein gutes Image hat. Das ändert sich, als mit PVDF als neuem Werkstoff eine weitere Innovation im Portfolio dazu kommt. Erstmals verträgt ein Kunststoff Temperaturen über 90 Grad Celsius ohne dabei Partikel an das durchströmende Medium abzugeben und ist damit für Reinraumwanwendungen wie zum Beispiel in der Chip- und Halbleiterproduktion geeignet – die sich besonders in den neuen Bundesländern ansiedeln. 


Qualitätsprüfung von Absperrklappen aus Kunststoff für die Stahlindustrie Ende der 80er Jahre

Thyssen Schulte entwickelt zusammen mit Georg Fischer ein Konzept zur Anarbeitung und Lieferung von Kunststoffrohren und -Armaturen nach höchsten Reinheitsgüten. Anfänglich werden die Teile vor Ort beim Kunden noch aufwändig gereinigt und dann erst montiert, erst Mitte der 90er Jahre gibt es reinraumfähige Verpackungen, so dass die fertigen Produkte direkt ab Lager geliefert werden können. 

Die Anforderungen der IT-Industrie machen außerdem Schweißtechniken nötig, die ohne Wulst arbeiten, an dem sich Fremdstoffe sammeln können. Georg Fischer gelingt es, erste Spezialmaschinen für solche Schweißverfahren in Serie zu produzieren. Den Vertrieb übernimmt wieder Thyssen Schulte, die auch Mieten und Leasen von Schweißmaschinen als Dienstleistung ins Programm aufnehmen.

ab 1999: Geschäftsausweitung über die Landesgrenzen

1999 fusionieren Thyssen und Krupp. 

Im Schatten dieser Nachricht geht es beinahe unter, dass die Thyssen Handelsunion und die Degussa-Hüls-Tochter Röhm GmbH ihren europaweiten Handel mit Kunststoff-Halbzeug in einem Gemeinschaftsunternehmen bündeln. Die neue Thyssen Röhm Kunststoffe GmbH (TRK) fasst das europäische Kunststoffgeschäft beider Konzerne zusammen, darunter OWK sowie drei bis dato zur amerikanischen Hanna-Gruppe gehörenden Gesellschaften in Deutschland, Frankreich und Spanien, die unter dem Namen Cadillac Plastic firmieren. 


Kunststoffproduktschulung von thyssenkrupp Schulte in den 90er Jahren

In den folgenden Jahren kommen durch Akquisitionen und Konzernneuordnungen weitere Aktivitäten im europäischen Ausland hinzu, etwa in Dänemark, Belgien, den Niederlanden und der Schweiz. 

Parallel weitet thyssenkrupp Schulte sein Werkstoffgeschäft durch Joint Ventures und Neugründungen von Schwestergesellschaften insbesondere in Osteuropa aus. 

2009 schließlich fasst thyssenkrupp seine Kunststoffaktivitäten von 15 Gesellschaften in zehn europäischen Ländern in der thyssenkrupp Plastics International GmbH zusammen.
Den deutschen Markt bearbeitet die thyssenkrupp Plastics GmbH, die die bisherigen Marken Cadillac Plastic, König Kunststoffe und Otto Wolff Kunststoffe sowie das Kunststoffgeschäft der thyssenkrupp Schulte GmbH vereint.
Rund 800 Mitarbeiter an 20 Standorten bedienen ihre Kunden heute über ein modernes, vernetztes Lager-, Distributions- und Informationslogistiksystem.
Zum Serviceangebot gehören spezielle Anarbeitungslösungen, spezifische Produkt- und Anwendungsberatungen sowie die Durchführung fachorientierter Seminare, Schulungen und regionaler Fachtagungen.


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